Deutschland feiert sich gerne als „Exportweltmeister“. Der Titel klingt nach Sieg, nach Stärke, nach einer Goldmedaille im globalen Wettbewerb. Doch wenn wir hinter die glänzende Fassade der Handelsbilanzüberschüsse blicken, offenbart sich eine ökonomische Tragödie. Wir geben unsere realen Werte – Autos, Maschinen, Ingenieurskunst – in die Welt hinaus und erhalten im Gegenzug: bedrucktes Papier. Oder noch abstrakter: digitale Nullen und Einsen auf Bankkonten.
Solange wir diesen Tausch für ein erfolgreiches Geschäftsmodell halten, unterliegen wir einer gewaltigen Täuschung. Wir verwechseln das Symbol (Geld) mit der Realität (Ware). Und schlimmer noch: Wir versuchen, einen globalen, lebendigen Weltwirtschaftsorganismus mit den veralteten Werkzeugen des Nationalstaats und einem krankhaften Geldsystem zu steuern. Es ist Zeit, die Wirtschaftswelt vom Kopf auf die Füße zu stellen – oder besser: sie als einen dreigliedrigen Organismus zu begreifen, der vitalisiert werden muss, damit wir selbst überleben.
Beginnen wir mit einer einfachen realwirtschaftlichen Betrachtung. Was ist Wohlstand? Wohlstand ist die Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen, die unser Leben ermöglichen und bereichern. Ein Auto, in dem ich fahren kann, ist ein Wert. Ein Haus, in dem ich wohne, ist ein Wert. Ein Brot, das ich essen kann, ist ein Wert.
Geld hingegen kann man nicht essen. Man kann nicht darin wohnen. Geld ist, nüchtern betrachtet, nur eine Anweisung auf Ware, ein Recht, sich einen Teil des Sozialprodukts zu nehmen. Es ist eine Buchhaltungsinformation.
Wenn Deutschland nun Jahr für Jahr mehr exportiert als es importiert (Exportüberschuss), dann bedeutet das rein physisch: Es verlassen mehr reale Güter den Wirtschaftsraum, als hineinkommen. Wir schicken unsere Autos, unsere Maschinen, unsere Medikamente in die USA, nach China oder Südeuropa. Dafür erhalten wir Forderungen (Geld).
Solange wir diese Forderungen nicht zeitnah einlösen, um im Gegenzug Güter aus diesen Ländern zu importieren, haben wir de facto unsere Arbeitskraft und unsere Ressourcen verschenkt. Wir arbeiten für den Wohlstand anderer Länder. Ein dauerhafter Exportüberschuss ist also kein Zeichen von Stärke, sondern ein Zeichen dafür, dass wir im Inland unter unseren Verhältnissen leben. Wir enthalten der eigenen Bevölkerung den Lohn vor, den sie bräuchte, um die eigenen Produkte zu kaufen. Wir sparen uns arm, indem wir Forderungen anhäufen, die durch Inflation oder Zahlungsausfälle (wenn die Schuldnerländer unter der Last zusammenbrechen) jederzeit wertlos werden können.
Warum halten wir an diesem unsinnigen Modell fest? Weil wir in den Grenzen der "Nationalökonomie" denken. Wir glauben, es gäbe so etwas wie eine "deutsche Wirtschaft", die gegen eine "chinesische Wirtschaft" konkurriert.
Doch blicken wir auf die Realität der Produktion: Ein Smartphone wird in Kalifornien erdacht, nutzt Rohstoffe aus dem Kongo, wird in China montiert, enthält Chips aus Taiwan und wird hergestellt auf Maschinen aus Deutschland, und wird schließlich weltweit verkauft. Die Lieferketten sind ein komplexes, weltweites Gewebe.
Schon seit gut hundert Jahren ist zu bemerken:
Es gibt keine Volkswirtschaften mehr. Es gibt nur noch eine Weltwirtschaft.
Die Wirtschaft ist längst ein globaler Organismus. Wenn wir versuchen, diesen Organismus durch nationale Grenzen, Zölle und nationale Egoismen zu zerschneiden, dann ist das so, als würde man versuchen, den Blutkreislauf im menschlichen Körper an der Schulter abzubinden, um den Arm zu "schützen". Das Ergebnis ist nicht Stärke, sondern Stauung, Krankheit und im schlimmsten Fall der Infarkt.
Die heutige Politik versucht verzweifelt, nationale Vorteile aus einem globalen Prozess zu ziehen. Die Regierung Trump versucht dies mit Zöllen, Deutschland mit Lohnzurückhaltung und Exportförderung. Beides sind Symptome desselben Denkfehlers: Der Unfähigkeit zu erkennen, dass die Wirtschaft der Stoffwechsel der Menschheit ist – und ein Stoffwechsel funktioniert nur, wenn er fließt, nicht wenn er gestaut wird.
Wenn die Wirtschaft der Stoffwechsel ist, dann ist das Geld das Blut, das die Nährstoffe (Wirtschaftswerte) zu den Organen transportiert und auf dem Weg zurück zum Herzorgan wichtige Informationen über den Zustand der Organe liefert. Doch dieses Blut ist krank. Es leidet an einer Art Leukämie: Es vermehrt sich unkontrolliert selbst, ohne dass sich die realen Organe mitentwickeln.
Das Grundübel liegt in der Verwechslung von Geld mit Ware. Wir behandeln Geld so, als wäre es selbst ein Gut, das man kaufen, verkaufen und "arbeiten lassen" kann. Wir sprechen davon, dass "Geld arbeitet".
Doch Geld arbeitet nicht. Nur Menschen arbeiten.
Wenn jemand Zinsen erhält, ohne dafür zu arbeiten, dann muss ein anderer Mensch diese Zinsen erwirtschaften. Der Zins ist ein Mechanismus, der Leistungslosigkeit belohnt und Arbeit belastet. Durch den Zinseszins-Effekt wächst das Geldvermögen exponentiell – eine Kurve, die sich erst flach bewegt und dann explosionsartig senkrecht nach oben schießt.
In der Natur gibt es kein dauerhaftes exponentielles Wachstum. Ein Baum wächst nicht in den Himmel. Irgendwann hört das quantitative Wachstum auf, und das qualitative Wachstum (Reife, Früchte) beginnt. Unser Geldsystem aber fordert durch den Zinseszins ein unendliches Wachstum in einer endlichen Welt. Das führt zwangsläufig zur Zerstörung der Lebensgrundlagen und zu sozialen Verwerfungen, weil die Schulden (die Kehrseite der Vermögen) die Realwirtschaft erdrücken.
Wir müssen Geld wieder zu dem machen, was es im Kern ist: Eine fließende Buchführung.
Schon Goethe bezeichnete die doppelte Buchführung als eine der "schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes". Warum? Weil sie das Ganze überschaubar macht. In der doppelten Buchführung steht jedem "Haben" (Vermögen) zwingend ein "Soll" (Schuld) gegenüber. Die Summe ist immer Null.
Geld entsteht heute durch Buchungssätze in den Bilanzen der Banken ("Buchgeldschöpfung"). Es entsteht aus dem Nichts – oder besser: aus dem Vertrauen in die Zukunft. Es ist eine soziale Vereinbarung. Wenn wir das begreifen, wird klar: Geld muss ein reines Zirkulationsmittel sein, das den Austausch von Leistungen dokumentiert. Es darf nicht hortbar sein, es darf sich nicht durch bloßes Liegenlassen vermehren. Es muss, wie alles Organische, entstehen, zirkulieren und schließlich wieder vergehen.
Wie kommen wir aus dieser Sackgasse – Exportwahn auf der einen, Zinsfalle auf der anderen Seite – heraus? Die Antwort liegt in einer gedanklichen und dann realen Entflechtung der gesellschaftlichen Systeme. Wir müssen unterscheiden lernen, was heute chaotisch vermischt ist. Wir brauchen eine Soziale Dreigliederung.
Hier liegt der Ursprung aller Wertschöpfung. Der eigentliche Wert eines Produktes ist nicht das Material, sondern die menschliche Intelligenz, die Kreativität und die Fähigkeit, die es geformt haben.
Ich nenne dies das Kapital 2 (Fähigkeitenkapital) im Gegensatz zum Kapital 1 (Geldkapital).
Das Geistesleben (Bildung, Wissenschaft, Kunst, Religion) entspricht dem Nerven-Sinnes-System des sozialen Organismus. Es ist das Organ der Wahrnehmung und der Schöpfung.
Damit dieses System gesund bleibt, braucht es Freiheit. Es darf weder vom Staat (Lehrpläne, Zensur) noch von der Wirtschaft (Profitzwang) dominiert werden.
Das Geistesleben ist das Bewusstsein, das den Organismus durchlichtet. Es ist das Feld der Kreativität. Hier entstehen die Ideen, die der Wirtschaft erst Sinn geben und die sie überhaupt erst ermöglichen. Wenn wir das Geistesleben ökonomisieren, töten wir die Quelle unserer Zukunft. Ein freies Geistesleben würde nicht nach Quantität ("mehr Autos"), sondern nach Qualität ("bessere Mobilität") fragen.
Das ist die eigentliche Aufgabe des Staates. Er entspricht dem Herz-Lungen-System. Seine Aufgabe ist der Ausgleich, die Zirkulation. Hier gilt das Prinzip der Gleichheit. Jeder Mensch hat die gleichen Rechte.
Das Geld – als Recht auf Ware – gehört funktional in diesen Bereich. Ein gesundes Rechtsleben sorgt dafür, dass die Rechte (und damit das Geld) so zirkulieren, dass jeder Mensch menschenwürdig leben kann. Es verhindert, dass der eine (durch Zins) den anderen ausbeutet. Es setzt den Rahmen, in dem Wirtschaft stattfindet, greift aber nicht selbst wirtschaftend ein.
Hier werden Waren produziert, verteilt und konsumiert. Hier gilt – entgegen der heutigen Doktrin von Konkurrenz – das Prinzip der Brüderlichkeit (oder Solidarität).
Warum? Weil in einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft niemand mehr für sich selbst sorgt. Wir arbeiten immer für die Bedürfnisse anderer. Das ist eine Tatsache.
Anstatt gegeneinander zu kämpfen (Konkurrenz, Handelskrieg), sollten sich Produzenten, Händler und Konsumenten in Assoziationen zusammenschließen. Diese Assoziationen blicken auf den Bedarf: Was braucht die Welt wirklich? Und wie produzieren wir es vernünftig?
In einem assoziativen Wirtschaftsleben wäre ein Exportüberschuss ein Alarmsignal: "Achtung, wir produzieren Dinge, die wir selbst nicht brauchen, und nehmen anderen die Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen." Man würde den Ausgleich suchen.
Die Vorstellung von "Deutschland als Exportweltmeister" ist ein Relikt aus einer Zeit, in der man glaubte, Wirtschaft sei ein Krieg um Goldreserven. In einer global vernetzten Welt ist sie eine gefährliche Illusion, die reale Werte vernichtet und soziale Ungleichgewichte schafft.
Eine zukunftsfähige Wirtschaft braucht keine neuen Zölle und keine Handelskriege. Sie braucht eine neue Art des Denkens.
Wir müssen:
Die Wirtschaft entstaatlichen: Lasst die Wirtschaft sich global assoziieren, jenseits von Grenzen.
Das Geistesleben befreien: Geben wir der Bildung und der Kunst den Raum, die Fähigkeiten für die Zukunft zu entwickeln (Kapital 2), statt sie dem Profit unterzuordnen.
Das Geld heilen: Befreien wir das Geld vom Zins und der Spekulation. Machen wir es wieder zu dem, was es ist: Eine reine, fließende Buchführung, die uns darüber informiert, wie wir unsere Fähigkeiten für das Wohl aller einsetzen können.
Wenn wir Geld nicht mehr horten können, sondern es fließen muss, dann erst wird der soziale Organismus gesund. Dann verwandelt sich das "tote" Kapital der Finanzmärkte in lebendige Fähigkeiten.
Statt Exportweltmeister von Waren zu sein, könnten wir Weltmeister in der Entwicklung von Fähigkeiten und sozialen Innovationen werden. Das wäre ein Export, der niemanden arm macht, sondern bei dem alle gewinnen.